Die Fremde Teil 4

May 12, 2019

Wie komme ich nochmal zur Arbeit?

Diese Frage musste ich mir stellen und das obwohl ich diese Strecke jeden Tag fuhr und es auf dieser Strecke nur eine Bahn gab.

 

Jeden morgen musste ich in die Bahn-App um zu schauen wann meine Bahn kam, welche Nummer auf ihr drauf steht und wo ich umsteigen musste.

Jeder normale Mensch steht auf, macht sich fertig, schaut auf die Uhr und weiß wieviel Zeit er noch hat bis er los muss.

 

Ich aber, machte mich fertig und währendessen ich das tat, schaute ich diverse mal auf die Uhr und rechnete nach wieviele Minuten ich noch hatte. 

 

"Es ist ein seltsames Gefühl das ganze zu schreiben und als normaler Mensch drüber nachzudenken was ich da eigentlich durchlebt habe. Heute kann ich es mir kaum mehr vorsellen."

 

Jeder Morgen war eine Herausforderung.

Jeder Tag ein Risiko, die Aufmerksamkeit durch auffälliges Verhalten nicht auf sich zu richten.

Ich hatte an gestressten Tagen zwischendurch Aussetzer, bei denen mir plötzlich Worte nicht einfielen.

 

Ebenfalls sah ich müde und schlapp aus.

Ich hatte fahle, blasse Haut und traurige Augen.

 

Zum Glück dachten meine Kollegen zum damaligen Zeitpunkt es liegt daran, dass die Beziehung sich dem Ende zuneigte.

 

Wie ihr es euch vielleicht schon denken könnt, ließ das aus der Beziehung auch nicht mehr all zu lange auf sich warten.

Es endete tränenreich und schmerzhaft.

Aber es hätte auch kein Reden mehr geholfen, es lag einfach zu viel in der Luft und ich brauchte Luft und Zeit für mich. (auch wenn mir das in dem Moment natürlich nicht klar war)

 

Ich zog aus der gemeinsamen Wohnung aus und wusste erstmal nicht wohin mit mir.

 

Ein paar Wochen war ich hier und da, bis das WG Zimmer bei meiner Freundin frei wurde und ich dort einzog.

 

Das war genau das, was ich zu dem Zeitpunkt brauchte.

Sie war eine kleine verrückte Chaos Tante, aber wir hatten super lustige Küchen-Treffs.

Wir kochten zusammen und sahsen auch einfach mal Stundenlang irgendwo rum und redeten bis uns der Mund ausgetrocknet war oder uns irgendwann nach stundenlangen Gesprächen die Augen zufielen.

 

Auch wenn ich todtraurig über das Ende der Beziehung war, wusste ich dennoch, dass es genau das richtige war.

Ich verbrachte Monate damit, der Beziehung hinterher zu trauern und vergoß einige Tränen und schrieb vieles auf Papier.

 

Und dann?  

Ein neuer Job sollte her.

Ich wollte Veränderung und bewarb mich einfach auf Gutglück in einem Kosmetik-Unternehmen.

Eine Festanstellung sollte her.

Ich hatte die Jahre zuvor immer auf Selbstständiger-Basis gearbeitet und wollte es einfach mal ausprobieren.

 

Ich fing an wieder zu malen, was ich schon Jahrelang nicht mehr gemacht hatte.

Nächtelang saß ich mit Musik im Hintergrund an meinem Schreibtisch.

Schrieb meine Gefühle auf und malte Gesichter/ Augen/ Lippen etc.

 

Dann .... schaute ich mich immer öfter an und fand mich gut.

Ich verbrachte manchmal einfach nur einige Stunden vor dem Spiegel und schminkte mich.

Ich probierte mich aus.

 

Dann.. die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Ich war aufegeregt, aber was hatte ich schon zu verlieren?

Ich präsentierte mich mehr als selbstsicher und ließ mir nichts gefallen.

 

Wer hätte es gedacht, ich hatte den Job.

Den Job, den einige in der Branche haben wollten. (welche die ich kannte)

 

Ich sag nur... Stress vorprogammiert...aber dazu kommen wir noch.

 

Die Stelle forderte mich und ich musste mich täglich anders schminken und täglich aufstylen.

 

Kleidungsmäßig war ich schon immer etwas ausgefallener und etwas auffälliger als die Kollegen.

Doch in den Läden in denen ich gearbeitet hatte, gab es immer eine bestimmte Toleranzgrenze.

Dies änderte sich mit dem neuen Job und der Position.

 

Ich ging in der Stelle richtig auf und fing an einen kompletten Neustart zu machen.

Mein Kleidungsstil war täglich anders und ich hatte keine bestimmte Richtung.

 

Ich trug das was ich morgens nach dem aufstehen fühlte.

Wie ich mich fühlte, so kleidete und stylte ich mich.

Vielleicht hört es sich seltsam an, aber ich endeckte mich in den verschiedensten Facetten.

Mir wurde klar, dass ich mich in keine Schiene drücken lassen muss.

Das mir niemand vorgeben kann wer ich bin, oder was ich nach außen zu seien scheinen soll.

 

Ich blühte auf in meiner vollen Pracht :-)

 

Das erste mal in meinem Leben hatte ich niemanden der mich ausbremste.

Niemanden der mir sagte "Nein so darfst du nicht sein! Nein so kann man nicht rumlaufen. Nein was denken die Leute"

Nur mich die sich selbst sagte. "Ja mach worauf du lust hast! Ja du siehst gut aus! Scheiss drauf was die Leute denken oder sagen".

 

Und obwohl ich vor der Festanstellung schon 5 Jahre immer wieder regelmäßig Einsätze in diesem Store hatte, wurde ich erst nach dieser Festanstellung von den Kollegen wahrgenommen und gesehen.

Mehr als die Hälfte in diesem Store hatten mich ständig gesehen und mir keine Blicke gewürdigt.

 

Heute frage ich mich wie das sein kann!? Aber ich kenne die Antwort.

Ich war leise, ich war schüchtern und ich habe mich selbst immer klein gehalten.

Ich wollte gesehen werden und im selben Moment hätte ich damit nicht umgehen können.

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